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kreative Etappen Teil III - die Mehrfachbelichtung

  • 13. Feb.
  • 4 Min. Lesezeit

Überblick

Inspiration & Faszination

Die Wirklichkeit als freies Feld für kreative Transformation

Meine vorherigen kreativen Etappen (siehe [Teil I] und [Teil II]) waren bereits geprägt von der tiefen Faszination, die Wirklichkeit zu verändern und neue Welten zu erschaffen. Was mit dem Kreieren von Mustern in der Bildbearbeitung begann, entwickelte sich durch die freie Langzeitbelichtung zu einem Spiel mit dem Unvorhersehbaren. Es war genau dieses Gefühl – nie genau zu wissen, wie das Ergebnis aussehen würde –, das mich zunehmend fesselte.


Doppel- und Mehrfachbelichtung: Verschmelzung von Realitätsebenen

Etwa zwei Jahre lang experimentierte ich intensiv mit der Langzeitbelichtung, bis ich spürte, dass es Zeit für eine neue Richtung war. Mit der Aufnahme „Himmelsauge“ wandte ich mich erstmals der Mehrfachbelichtung zu. Das Verschmelzen verschiedener Realitätsebenen – in diesem Fall waren es fünf – erzeugte einen noch größeren Überraschungseffekt. Mein zentrales Thema, die „Veränderung der Wirklichkeit“, blieb bestehen, erreichte aber eine tiefere, noch aufregendere Dimension.

5-fach Belichtung "Himmelsauge"

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"Himmelsauge"

ISO 500 - 17-40 bei 17mm - f 4 - 1/25s

(1/125s Belichtungszeit pro Aufnahme - 5fach-Belichtung - Gesamtbild: Belichtungszeit 1/25s)

Entstehung des Bildes

Im Herbst 2014, zur Dämmerung, war ich gerade von einem Fotospaziergang zum Parkplatz zurückgekehrt. Während ich ein letztes Mal tief durchatmete und in die Baumkronen blickte, hatte ich plötzlich eine Idee: Vielleicht ließe sich durch Mehrfachbelichtung eine Art Krone aus diesem Anblick formen. Das Thema der Mehrfachbelichtung war vor einigen Jahren erstmals in einem Gespräch mit einer ehemaligen Kommilitonin aufgekommen. Sie hatte mir an ihrer Kamera gezeigt, wie man diese Funktion einstellt, und mir einige ihrer Ergebnisse präsentiert. Zu jener Zeit war ich jedoch völlig in der Langzeitbelichtung vertieft und nicht aufnahmebereit für das Thema. Doch in diesem Moment fiel mir diese Technik wieder ein, und ich beschloss, es selbst auszuprobieren.

Meine ersten Versuche verliefen ganz anders, als ich erwartet hatte. Ich passte meine ursprüngliche Idee an die Ergebnisse an und begann, den Ring zu gestalten, der schließlich das „Auge“ bildete. Zu jener Zeit hatte die Langzeitbelichtung für mich etwas an Reiz verloren. Die Mehrfachbelichtung brachte hingegen eine neue Lebendigkeit und Experimentierfreude in meine Arbeit, die ich sehr genoss und begrüßte.

Technischer Teil: Tipps zur Mehrfachbelichtung


Was ist eigentlich eine Mehrfachbelichtung?

Kurz gesagt: Bei der digitalen Mehrfachbelichtung werden mehrere Einzelaufnahmen softwareseitig zusammengelegt. Das imitiert die analoge Methode, bei der dasselbe Stück Film mehrfach belichtet wird.


Der Additiv-Modus

Ich nutze fast ausschließlich den Additiv-Modus. Er imitiert eine analoge Doppel- oder Mehrfachbelichtung und liefert meiner Meinung nach die schönsten Ergebnisse. Hierbei gibt es zwei wesentliche Dinge zu beachten:


  1. Die Anpassung der Belichtungszeit

    Die vom Belichtungsmesser angezeigte Zeit bezieht sich immer auf das Endergebnis.

    Die Einzelaufnahmen müssen also entsprechend kürzer belichtet werden, um eine Überbelichtung des Bildes zu verhindern.


    Beispiel Doppelbelichtung: 

    Zielzeit 1/100s → jede Einzelaufnahme benötigt 1/200s (2 x 1/200s = 1/100s).


    Beispiel „Himmelsauge“ (5-fach): 

    Zielzeit 1/25s → jede Einzelaufnahme benötigt 1/125s (5 x 1/125s = 1/25s).


  2. Die Art der Verrechnung: Warum Weiß weiß bleibt

    Das Prinzip stammt aus der analogen Fotografie und ist eigentlich ganz einfach zu verstehen, wenn man an das Negativ denkt:


    Helle Bildanteile (Weiß): Hier ist das Negativ bereits maximal belichtet – es ist „voll“.

    Da passt keine weitere Information mehr rein. Weiß bleibt also Weiß.


    Dunkle Bildanteile (Schwarz): Hier ist der Film noch „unbelichtet“ (durchsichtig).

    Diese Stellen können bei der nächsten Aufnahme also wunderbar mit neuen Bildinformationen gefüllt werden.


    Grautöne werden entsprechend ihrer Helligkeit sanft überlagert.


Meine Realität: Der kreative Fluss geht vor

Obwohl diese Logik eigentlich bestechend einfach ist, hat sie bei mir spätestens ab einer 3er-Belichtung ein gewisses Hirnknoten-Potenzial. Handelt es sich um eine Doppelbelichtung, erstelle ich gerne bewusste Kompositionen und beziehe die Verrechnung der Bildbereiche mit ein – wie hier bei diesem Beispiel:


Doppelbelichtung: "Herbstcollage"

ISO 100 / 100mm / f 3.5 / 1/200s (2x 1/400)


Aber ab der 3er-Reihe bin ich am Limit. Mein Gehirn wird zu Rührei und alles fliegt durcheinander: „Oh je, wie bildet sich dieses 50% Grau nun ab, wenn die Stelle davor ein dunkles Grau war – und die Stelle davor auch – und dort war das Grau ca. 30% – was passiert, wenn ich da jetzt eine schwarze Stelle drüberlege... HILFE!“ Logisch, wenn ich eine schwarze Stelle drüberlege passiert nichts :-D aber im Moment des Geschehens kollidieren da wahrscheinlich mein kreativer und mein logischer Teil des Gehirns und es kommt zum Kurzschluss. Für mich ist es dann so, als würde ich mich in einem engen Kasten befinden, der aus Angst besteht, etwas falsch zu machen. An diesem Punkt lasse ich es einfach gut sein und erlaube mir, einfach zu machen, wonach mir ist.

Mit dieser Entscheidung bin ich wieder frei, die Freude kommt zurück und meine Kreativität darf wieder fließen. Und das ist bei meinen Bildkompositionen immer noch das Wichtigste.


Während ich beim „Himmelsauge“ noch gar nicht wusste, was da technisch im Detail passiert, habe ich heute zwar das Wissen im Hinterkopf, aber ich handle meistens nicht danach und genieße lieber das Abenteuer der sich überlagernden Schichten.

Schlussgedanken

Spontaneität und Intuition sind das, was das Fotografieren für mich lebendig macht. So entstand auch das „Himmelsauge“ aus einem Moment der inneren Ruhe heraus – ganz wie meine Werke „Smokey“, „Städtische Spiegelung“ und viele weitere.

Mit diesem Bild begann meine Reise in die Welt der Mehrfachbelichtung: eine Welt voller Schichten, die die Realität durch Hinzufügen und Subtrahieren auf überraschende Weise verändert. Die Bilder gewinnen dadurch eine faszinierende Tiefe. Bis heute sind Doppel- und Mehrfachbelichtungen ein wesentlicher Teil meiner kreativen Praxis. Sie fesseln mich nach wie vor mit ihrer Unvorhersehbarkeit und der ständigen Möglichkeit, im Bekannten etwas völlig Neues zu entdecken.


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